Die klassische Homöopathie

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Vor rund 200 Jahren wuchs Samuel Hahnemann in Meißen als Sohn eines Prozellanmalers heran. So sehr sich sein Vater für ihn den Beruf des Prozellanmalers wünschte, erkannte man doch früh Samuels intellektuelle Begabung. Seine Lehrer sorgten für ein Stipendium in der Fürstenschule Sankt Afra. Samuel unterrichtete seine Mitschüler bereits im Alter von 12 Jahren in Latein. Nach dem Abitur begann er in Leipzig sein Medizinstudium. Als junger Arzt verzweifelte er an der Unkenntnis der Medizin in Bezug auf das, was heilt. Es gab nur Vermutungen über Krankheitsursachen und Überlieferungen über das was hier und da mal geholfen hatte. Hahnemann war sicher, dass es in der Entstehung von Krankheiten und in ihrer Behandlung einfache und rational nachvollziehbare Erkenntnisse geben müsse. Um seinen Patienten keinen Schaden zuzufügen, gab er seine Praxis auf und widmete sich über viele Jahre der Erforschung dessen was heilt.

Similia similibus curentur

Hahnemann Stamp

Hahnemann's Sprachkenntnisse waren jetzt von größtem Nutzen. Er durchforschte die verfügbare alte Literatur in lateinischer und griechischer Sprache, und übersetzte aktuelle Medizinbücher zwischen deutscher, englischer und französischer Sprache. Schließlich kam ihm der Zufall zuhilfe. Bei der Übersetzung eines Arzneibuches des englischen Arztes Cullen, stolperte er über die Formulierung, dass die Chinarinde, wegen ihrer magenstärkenden Wirkung, bestimmte Fieber heilen würde. Zu dieser Zeit herrschte in weiten Kreisen der Medizin die Auffassung, alle Krankheit rühre vom Magen her. Somit würde jegliche Krankheit verschwinden, sofern man ein magenstärkendes Medikament fand. Half nun ein Medikament, so war es entsprechend magenstärkend. Hahnemann wollte das nicht glauben, stellte Chinarinde her und startete einen Selbstversuch. Während der Einnahme von Chinarinde entwickelte er seltsame Symptome, die ihn in ihrer Gesamtheit an periodisch auftretende Malariafieber erinnerten. Hahnemann erahnte, dass es nicht die vermutete magenstärkende Wirkung der Chinarinde war, sondern ihre Fähigkeit beim Gesunden bestimmte Symptome hervorzubringen, welche sie beim Kranken heilt. Das Ähnlichkeitsgesetz war geboren; Similia similibus curentur - das Ähnliche möge durch das Ähnliche geheilt werden.

Arzneiprüfung und Potenzen

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Selbstversuche mit Arzneien waren eine heikle Sache, sofern es sich um Gifte, Schwermetalle, starke Säuren oder Laugen handelte. Um sich und seine Kollegen nicht in Gefahr zu bringen, begann Hahnemann die Ursubstanzen schrittweise zu verdünnen. Diese Verdünnungen nennt man in der Homöopathie Potenzen einer Arznei. Es gibt D-Potenzen (1:10), C-Potenzen (1:100) und LM/Q-Potenzen (1:50.000). Im Prozess des Potenzierens erkannte Hahnemann, dass die Giftigkeit der Arznei mit jedem Schritt abnahm, während sonderbarerweise, und wissenschaftlich bis heute nicht geklärt, die Arzneikraft mit jedem Potenzschritt zunahm. Nach weiteren Jahren intensiver Forschung mit Kollegen und Schülern veröffentlichte Hahnemann im Jahr 1796 ein Grundlagenwerk über die Arzneiwirkungen. Dieses Werk fand große Beachtung und Anerkennung in der medizinischen Fachwelt. Die Arzneiprüfung am Gesunden, Blindstudien sowie das Erscheinen der ersten, deutschsprachigen medizinischen Fachzeitschrift zum kollegialen Austausch, sind Errungenschaften der klassischen homöopathie, die im Laufe der Jahre Eingang in die Schulmedizin gefunden haben.

Materia medica und Repertorium

Materia medica

Fortgesetzte Prüfungen unbekannter Arzneistoffe aus allen Ländern der Welt führten zu einem schier unüberschaubaren Wust an Symptomen. Um hier nicht den Überblick zu verlieren, entstanden Arzneibücher (Materia medica) und Nachschlagewerke für Symptome (Repertorium). Es wurden Regularien erarbeitet über die Arzneiherstellung, die Arzneiprüfung und die Auflistung der Symptome. In den meisten Fällen wurden die Arzneien mit ihren Wirkungen von Gemütsymptomen (Denken und Fühlen) über Kopf bis Fuß dargestellt. Die Symptome des Gemüts, das sind die Veränderungen unserer Gedanken und Gefühle innerhalb des Krankheitsprozesses, sind ganz besonders wertvoll. Jede Erkrankung geht immer auch mit einer Veränderung der Stimmung und Wahrnehmung einher, ob wir gereizt, niedergeschlagen oder unkonzentriert sind, jedes Symptom ist nicht nur ein Zeichen der Krankheit, sondern hilft auch bei der Arzneimittelfindung. Daraus ergibt sich eine wundervolle Möglichkeit neben körperlichen Erkrankungen auch sämtliche Störungen im Gefühlsleben angemessen behandeln zu können.

Die homöopathische Anamnese

Globuli Die Kunst des Homöopathen liegt darin, aus der Summe und den Besonderheiten der Symptome des Patienten, dasjenige natürliche Heilmittel zu finden, welches den Erscheinungen des Patienten am ählichsten ist. Ein Homöopath braucht für das Verständnis der Erkrankung weder einen Erreger noch einen Krankheitsnamen. Er interessiert sich ausschlieslich für die Symptome, die der Patient individuell wahrnimmt. Dies führt dazu, dass eine homöopathische Anamnese, das Erstgespräch, zeitaufwendig und voller seltsamer Fragen ist. Die wichtigsten Fragen handeln von den veränderten Stimmungen und Gedanken seit Beginn der Erkrankung, besonders auffälligen Symptomen, möglichen Bedingungen der Entstehung vom Wetterumschwung über den Verlust von Angehörigen und den sogenannten Modalitäten, die Aufschluß darüber geben was die Symptome jeweils verschlimmert oder bessert. Dies alles dient der Heilung im Sinne Hahnemanns: "Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachtheiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen." (Organon der Heilkunst, §2)