Das Ähnlichkeitsprinzip bildet das Fundament der klassischen Homöopathie. In lateinischer Sprache wird der Ausspruch "Similia similibus curentur" verwendet. Ähnliches möge durch ähnliches geheilt werden. Samuel Hahnemann hat dieses Prinzip wiederentdeckt, nicht erfunden. Bereits in alter Literatur, sowohl bei Hippokrates als auch bei Paracelsus, finden sich entsprechende Äusserungen. Hahnemann's Verdienst ist die systematische Aufarbeitung dieses Prinzips und seine Überführung in eine anwendbare, therapeutische Methode.

Für Homöopathen eröffnete das Ähnlichkeitsprinzip ein riesiges Forschungsfeld. Wenn ein beliebiger Stoff in der Natur die Kraft besitzt, bei einem gesunden Menschen solche Symptome zu erzeugen, welche er bei einem Erkrankten heilen kann, dann mussten die Wirkungen der bekannten Stoffe aus der Natur entdeckt, überprüft und aufgezeichnet werden. Damals war schon bekannt, dass die giftigsten Stoffe die stärksten Wirkungen erzeugten. Weder Hahnemann noch seine Kollegen hatten vor sich zu vergiften, und so musste ein Weg gefunden werden, den Ausgangsstoff ungiftiger zu machen, ohne dass er seine arzneiliche Kraft verlieren würde.

Hierzu ersann Hahnemann, der ein berühmter Chemiker seiner Zeit war, die Methode der Potenzierung. Er begann mit schrittweisen Verdünnungen in verschiedenen Verhältnissen. Nach vielen Versuchen entschied er sich für einige Jahrzehnte das Verhältnis 1/100 anzuwenden. Ein Teil der Arznei wurde mit 100 Teilen Milchzucker in einer aufwendigen Prozedur verrieben. Das Ergebnis dieser Verreibung wurde C1 Potenz genannt. Aus der Wiederholung dieses Vorgangs entstand die Potenz C2, dann C3 und immer so weiter. Es ist nachvollziehbar, dass schon nach dem ersten Verdünnungsschrit die Giftigkeit der Ursubstanz deutlich abnahm und nach dem dritten Schritt kaum noch spürbar war. Was selbst Hahnemann nicht erwartet hatte war, dass gleichzeitig mit dem Abnehmen der Giftigkeit, die Arzneikraft mit jedem Verdünnungsschritt immer weiter zunahm. Dies führte zur Verwendung der Begriffe potenzieren oder dynamisieren, da es sich jetzt nicht mehr um eine einfache Verdünnung, sondern mehr um eine Freilegung der arzneilichen Kräfte aus der Ursubstanz handelte.

Nach zahlreichen Experimenten mit Arzneistoffen in verschiedenen Potenzierungen stellte Hahenmann schliesslich fest, dass sich die meisten Wirkungen der Arznei in der dreissigsten Potenz offenbarten. Höhere Potenzen brachten im wesentlichen stärkere, aber kaum neue Wirkungen hervor. Dies führte zur Einführung der C30 Potenz als Standard-Prüfpotenz und der bis heute am häufigsten verwendeten Potenz. Weitere Quellen über die Kenntniss der Arzneiwirkungen sind Aufzeichnungen über Vergiftungsfälle (Toxikologie) und die Erfahrungen am Krankenbett (Klinik).

Mit dem Prüfen der verschiedenen Arzneistoffe zeigte sich ein weiteres Phänomen. Die Wirkungen der einzelnen Mineralien, Pflanzen oder tierischen Produkte liessen sich nicht auf ein Organ oder Symptom begrenzen. Die Arzneien zeigten komplexe Wirkungen im Körper, in den Gefühlen oder Gedanken. Arsen zum Bespiel brachte neben den brennenden Schmerzen und der großen Schwäche, extreme Ruhelosigkeit und starke existentielle Ängste hervor. Dieses Wissen ermöglicht feinste Befindlichkeitsstörungen ebenso zu behandeln wie schwere, psychische oder mentale Störungen.

Das Wissen um die psychischen Wirkungen der homöopathischen Arzneien veranlasste Hahnemann zur Behandlung eines schwerst psychisch Erkrankten mit diätetischen Maßnahmen, homöopathischen Arzneien und sehr viel Hinwendung in einer Zeit, in der psychisch Kranke ansonsten einfach weggesperrt wurden. Über die Möglichkeit der homöopathischen Behandlung schwerer, psychischer Störungen, einschliesslich vieler Ängste ist in der Öffentlichkeit leider wenig bekannt.

Um dieses gesammelte Wissen zu dokumentieren wurden Arzneibücher mit den Wirkungen der Arzneien geschrieben. Zunächst, wie bei Hahnemann, in Form einfacher Auflistung von Symptomen, geordnet nach einem Kopf bis Fuß Schema, einschliesslich der Veränderungen im Gemüt. Später fügten verschiedene Autoren weitere Vorgehensweisen ein. Es entstanden gut lesbare Fliesstexte mit Leitsymptomen oder essentiellen Themen der jeweiligen Arznei sowie Arzneibücher mit bestimmten Schwerpunkten wie den Modalitäten. Die Modalitäten beschreiben Bedingungen der Besserung oder Verschlimmmerung von Symptomen, die für jede Arznei typisch sind ud häufig entscheidenden Einfluss auf die Wahl der passenden Arznei haben. Um einzelne Symptome wiederzufinden entstanden Symptomenverzeichnisse, sogenannte Repertorien. Hier lassen sich Symptome finden, die in den Mittelbeschreibungen wegen Platzmangel nicht mit aufgeführt waren. Das aktuelle Synthesis Repertorium enthält weit über 250.000 Symptomeneinträge.

Die klassische Homöopathie bietet allerdings mehr als das Prinzip über die Arzneiwirkung im Sinne einer Heilung. Hahnemann hat sich nicht gescheut ein Grundlagenwerk über die relevanten Aspekte der Krankheitsentstehung, ihrer Behandlung sowie über die Phänomene des Heilungsverlaufes zu verfassen. Dieses Wissen ist ein unermesslicher Schatz für jeden Homöopathen. Im Organon der Heilkunst beschreibt Hahnemann in 291 Paragraphen die Grundlagen der homöopathischen Therapie. Es ist eine alte Sprache, schwierig zu lesen und nicht leicht zu verstehen. Ich musste mich tief in die Medizingeschichte und Philosophie des 18ten Jahrhundert einlesen bis ich langsam ein Verstehen entwickelte. Es wäre wundervoll für die Arbeit jedes Homöopathen, wenn dieses Wissen mehr in der Bevölkerung verbreitet wäre, da die Arbeit des Homöopathen und seine Anweisungen an den Patienten dadurch leichter zu verstehen wären.