Wenn ich sonst nichts über Homöopathie wüsste als die Geschichte ihrer Entstehung, würde es ausreichen, mich Staunen zu lassen. Es ist die Geschichte eines jungen Arztes, der sich mit den Lehren über die Medizin seiner Zeit nicht zufrieden gibt. Er möchte verstehen nach welchen Grundlagen Medikamente wirken und wie Krankheit und Heilung geschehen.

Ein junger Mann aus einfachen Verhältnissen erlangt aufgrund seiner Begabungen ein Stipendium für ein Studium der Medizin. Er lernt in den ersten Jahren den Aufbau und die Funktion des Körpers kennen um sich danach mit Symptomen und Krankheitsnamen zu beschäftigen. Nach ein paar erfolgreichen Prüfungen folgt die praktische Arbeit am Krankenbett. Symptome werden notiert, Krankheitsnamen angewendet und die passenden Medikamente gegen diese oder jene Beschwerde verordnet.

In der Behandlung von Patienten macht unser junge Arzt folgende Erfahrungen. In einem Fall bekommt der Patient eine Medizin, die Symptpme verschwinden, der Patient ist gesund und die Medizin wird abgesetzt. In einem anderen Fall bekommt der Patient eine Arznei, die Symptome verschwinden während der Einnahme, kehren aber bald nach dem Absetzen der Arznei wieder, manchmal stärker als vorher. Nun heisst es, diese Krankheit ist nicht heilbar, ohne dass der Patient die Medikamente dauerhaft einnimmt. Im dritten Fall treten durch die dauerhafte Einnahme eines oder mehrerer Medikamente neue Krankheiten auf, die häufig noch schwerer zu behandeln sind als die ursprüngliche Krankheit.

Hier kommen unserem jungen Arzt berechtigte Zweifel. Ganz im Sinne der Aufklärung hatte er in seiner Jugend gelernt, überlieferte Kenntnisse nicht vorurteilslos anzunehmen, sondern selbständig zu denken und so zu handeln, wie es der eigenen Überzeugung und Erkenntis entspricht.

Die Beschreibungen über die Ursachen von Krankheit sowie deren Behandlung folgen entweder alten Überlieferungen oder vorübergehenden, modernen Strömungen. Eine einheitliche Auffassung oder Erkenntnis über Gesundheit und Krankheit gab es nicht und gibt es bis heute nicht. Das gleiche gilt für den Einsatz von Medikamenten. Die Verordnung von Medikamenten folgt entweder überlieferten Erfahrungen, insbesondere bei pflanzlichen Arzneien oder, wie im Fall moderner, chemischer Arzneien der Erkenntnis, dass das Symptom dadurch verschwindet.

Dass ein verschwundenes Symptom nicht gleich eine Heilung bedeutet wissen alle Eltern, die ihre Kinder bitten ihr Zimmer aufzuräumen. Es dauert keine fünf Minuten und alles ist weg. Die Schränke sind zu und die Tagesdecke hängt weit über die Bettkante, dass kein Blick unter das Bett möglich ist. Weg ist weg, aber längst nicht aufgeräumt und noch lange nicht geheilt. Und wie im Falle des Kinderzimmers kommt es auch bei medikamentösen Behandlungen irgendwann heraus, ob die Krankheit geheilt oder nur weg war.

Da unser junger Arzt erfahren hatte, dass Heilungen grundsätzlich möglich sind, macht er sich auf die Suche, nach welchen Prinzipien Medikamente heilend wirken. Das war nicht ganz einfach, aber sein beharrliches Forschen und glückliche Fügungen führten ihn schliesslich zu einer Erkenntnis. Er findet heraus, dass viele Stoffe in der Natur bestimmte Wirkungen auf den menschlichen Organismus haben. So verursachen zum Beispiel Zwiebeldämpfe tränende, brennende Augen, das Kaffeetrinken verstärkt Herzklopfen, Kohle essen führt zu Durchfall, eine Arsenvergiftung macht fürchterliche, brennende Schmerzen im Magen und eine Vergiftung mit Lava-Erde führt zu Knochentumoren. Die Kraft eines beliebigen Stoffes bei einem gesunden Menschen bestimmte Symptome zu erzeugen, ist die gleiche Kraft, mit der er ähnliche Symptome bei einem Erkrankten heilt.

Jetzt wird es Zeit, dass unser Arzt einen Namen bekommt. Es war Dr. Samuel Hahnemann, der im 18ten und 19ten Jahrhundert lebte, forschte und praktizierte. Seine Erkenntnisse über die Heilwirkung von Arzneien fasste er in einem Begriff, der Homöopathie, zusammen. Der Begriff "Homoios" stammt aus dem griechischen und steht für das "Ähnliche". "Pathos" steht das "Leiden". Damit hebt Hahnemann hervor, dass diejenige Arznei heilend wirkt, die in der Lage ist bei einem Gesunden ähnliche Symptome hervorzubringen, wie diejenigen, die zu behandeln sind. Um diese neue Medizin von der Schulmedizin abzugrenzen, schuf Hahnemann gleich noch den Begriff der Allopathie. "Allos" stammt ebenfalls aus dem griechischen und steht für die Wirkung von Medikamenten, die "gegen" ein Symptom eingesetzt werden.

Seit dieser Zeit haben Homöopathen weltweit über 5000 Arzneistoffe auf ihre Wirkungen geprüft und das Prinzip immer wieder bestätigt gefunden. Die Einführung der Arzneiprüfung am Gesunden und Blindstudien mit Medikamenten sind Errungenschaften der klassischen Homöopathie.

Die Erkenntnisse der klassischen Homöopathie widersprechen den schulmedizinischen Grundannahmen in vielen Bereichen. Daraus resultieren medizinische Systeme mit teilweise gegenteiligen Vorgehensweisen. Diese Form des Konfliktes finden wir in der Religion, der Wirtschaft und Politik seit Jahrtausenden. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch in der Medizin zu neuen Wegen finden und eines Tages die Gesundheit des Menschen im Vordergrund steht. Hahnemann hat es in seinem Organon der Heilkunst so formuliert: "Des Arztes höchster und einziger Beruf ist kranke Menschen gesund zu machen, was man heilen nennt".